Kurzfassung
Deutschland ist Mieterland – und fast jeder zweite Mieter lebt finanziell auf Kante. In einer aktuellen YouGov-Befragung für die Postbank erklärten 48,5 Prozent, sie könnten Miete und Nebenkosten nur „gerade so“ bezahlen. Weitere 12,2 Prozent sehen sich bereits überfordert. Rund 60 Prozent wenden mindestens 30 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für das Wohnen auf; fast ein Drittel mindestens 40 Prozent.1Miete für viele schwer bezahlbar
Die YouGov-Erhebung nennt Belastungsquoten, Wohnkostenanteile, Eigentumswünsche und fehlendes Eigenkapital als zentrale Hürde für Mieter.
Dass diese Entwicklung noch überrascht, ist selbst überraschend. Denn nicht nur die Kaltmiete steigt. Betriebskosten, Heizung, Strom, Wasser und kommunale Gebühren bilden längst eine zweite Miete. 2025 lebten 11,2 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, deren Wohnkosten mehr als 40 Prozent des verfügbaren Einkommens verschlangen.2Destatis: Überbelastung durch Wohnkosten 2025
Die amtliche Statistik erfasst Haushalte, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufwenden müssen.
Das Problem trifft keine kleine Randgruppe. Deutschland weist mit 52,8 Prozent den höchsten Mieteranteil der Europäischen Union auf.3Deutschland ist Mieterland Nummer eins
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebte 2025 zur Miete; Deutschland verzeichnete damit den höchsten Mieteranteil innerhalb der Europäischen Union. Wer nach den Wohnkosten kaum Rücklagen bilden kann, spart auch kein Eigenkapital an. Dass 45,8 Prozent der Befragten ein Erbe als wahrscheinlichsten Weg zum Wohneigentum ansehen, entlarvt die soziale Schieflage: Wohnen wird zur Herkunftsfrage. Nicht wer arbeitet und spart, sondern wer erbt, erhält noch realistische Chancen auf Eigentum.
Artikel
Fast jeder zweite befragte Mieter in Deutschland kann Miete und Nebenkosten nur noch „gerade so“ tragen. Weitere 12,2 Prozent geben an, bereits über ihre finanziellen Verhältnisse zu leben. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen morgen ihre Wohnung verlieren. Es bedeutet aber, dass ihr monatlicher Spielraum weitgehend aufgebraucht ist. Wie viele Warnzeichen braucht eine Gesellschaft noch, bevor Wohnen nicht mehr als private Rechenaufgabe, sondern als strukturelle Verteilungsfrage behandelt wird?
Die aktuelle YouGov-Erhebung im Auftrag der Postbank umfasst 2.016 Befragte, darunter 1.109 Mieter. Rund 60 Prozent der Mieter wenden nach eigener Einschätzung mindestens 30 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für Wohnkosten auf. Bei 29,7 Prozent sind es mindestens 40 Prozent. Nur gut ein Drittel erklärt, sich die Kosten gut leisten zu können.4Wirtschaftswoche: Miete für viele schwer bezahlbar
Der Bericht dokumentiert Stichprobengröße, Wohnkostenanteile, finanzielle Selbsteinschätzung sowie die verbreitete Präferenz der befragten Mieter für Wohneigentum. Die Formulierung „gerade so“ ist dabei entscheidend. Sie beschreibt keine stabile Lage, sondern einen Haushalt ohne Sicherheitsabstand. Eine Nachzahlung, ein kaputtes Auto, eine Krankheit oder ein vorübergehend niedrigeres Einkommen kann aus angespannter Normalität sehr schnell eine Zahlungsnot machen.
Fast die Hälfte spart nicht am Wohnen, sondern am Leben
Dass sich jemand über diese Entwicklung wundert, wirkt beinahe wirklichkeitsfremd. Miete ist keine Ausgabe, die sich bei knappem Budget einfach streichen lässt. Wer beim Wohnen sparen muss, kann nicht beliebig weniger Quadratmeter verbrauchen, spontan in eine günstigere Stadt ziehen oder Heizkosten vollständig vermeiden. Gespart wird deshalb häufig an anderer Stelle: bei Lebensmitteln, Freizeit, Mobilität, Gesundheit, Rücklagen oder Altersvorsorge.
Schon 2023 gaben in einer Postbank-Befragung rund 41 Prozent an, ihre gesamten Wohnkosten nur „gerade so“ bezahlen zu können; etwa sieben Prozent fühlten sich überfordert.5Postbank: Ist Wohnen zu teuer?
Die frühere Befragung belegt, dass hohe Belastungen durch Miete, Finanzierung, Energie, Wasser und weitere Wohnkosten bereits 2023 verbreitet waren. Die aktuelle Erhebung zeigt damit keine plötzlich vom Himmel gefallene Krise, sondern eine Verschärfung, die seit Jahren sichtbar ist. Politik, Kommunen und Immobilienwirtschaft konnten die Richtung erkennen. Trotzdem blieb die Antwort langsamer als die Belastung.
Besonders unterschätzt werden die Nebenkosten. Der Deutsche Mieterbund beziffert die durchschnittlichen Betriebskosten für 2024 auf 2,67 Euro je Quadratmeter und Monat. Werden alle denkbaren Positionen zusammengerechnet, kann die sogenannte zweite Miete bis zu 3,68 Euro je Quadratmeter erreichen.6Deutscher Mieterbund: Betriebskostenspiegel
Der Betriebskostenspiegel weist durchschnittliche monatliche Kosten je Quadratmeter sowie die mögliche Höhe bei sämtlichen umlagefähigen Betriebskosten aus. Für eine Wohnung mit 80 Quadratmetern sind das im Extremfall mehr als 294 Euro im Monat – zusätzlich zur Kaltmiete. Stromkosten, die häufig direkt an den Versorger gezahlt werden, kommen noch hinzu.
Nebenkosten sind keine Nebensache mehr
Der Begriff „Nebenkosten“ verharmlost deshalb, was in vielen Haushalten längst einen eigenständigen Kostenblock bildet. Heizung, Warmwasser, Müll, Grundsteuer, Versicherungen, Hausreinigung, Aufzug oder Gartenpflege sind nicht dekoratives Beiwerk des Wohnens. Sie entscheiden darüber, ob die Warmmiete noch in das Einkommen passt. Gerade Haushalte in energetisch schlechten Gebäuden oder mit älteren Heizsystemen haben dabei nur begrenzten Einfluss auf ihre Belastung.
Wie dünn die Reserven teilweise sind, zeigt auch die amtliche Statistik. 2025 lebten 4,6 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, die Rechnungen von Versorgungsunternehmen wie Strom- oder Gasanbietern nicht rechtzeitig bezahlen konnten.7Destatis: Kein Geld für Rechnungen
Die Statistik zeigt den Bevölkerungsanteil in Haushalten, die Rechnungen von Strom-, Gas-, Wasser- oder Heizungsversorgern nicht fristgerecht begleichen konnten. Das ist nicht identisch mit Mietrückständen. Es zeigt aber, wie schnell sich Wohn- und Energiekosten in konkrete Zahlungsschwierigkeiten übersetzen können.
Wer diese Lage ausschließlich mit individuellem Konsumverhalten erklärt, verschiebt das Problem auf die Betroffenen. Natürlich unterscheiden sich Einkommen, Wohnungen und Lebensstile. Doch eine Quote von 48,5 Prozent lässt sich nicht glaubwürdig als Ansammlung privater Fehlentscheidungen abtun. Wenn fast die Hälfte einer großen Befragtengruppe kaum noch Puffer sieht, drängt sich die Frage auf, ob Einkommen, Wohnungsangebot und laufende Kosten noch in einem tragfähigen Verhältnis stehen.
Zu wenig Wohnungen, zu hohe Hürden
Die Angebotsseite liefert keine Entwarnung. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das waren 18 Prozent weniger als 2024 und der niedrigste Wert seit 2012.8Destatis: 18 Prozent weniger Wohnungen fertiggestellt
Die Pressemitteilung nennt 206.600 fertiggestellte Wohnungen im Jahr 2025, den niedrigsten Stand seit 2012 und einen weiterhin hohen Bauüberhang. Gleichzeitig weist der Bauüberhang Hunderttausende genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte Wohnungen aus. Genehmigung bedeutet eben noch kein Dach über dem Kopf, und ein politisch angekündigtes Bauziel senkt keine einzige aktuelle Miete.
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung beziffert den jährlichen Neubaubedarf bis 2030 auf rund 320.000 Wohnungen.9BBSR: Jährlich rund 320.000 neue Wohnungen benötigt
Die Wohnungsbedarfsprognose berechnet bis 2030 einen jährlichen Bedarf von rund 320.000 zusätzlichen Wohnungen in Deutschland. Zwischen Bedarf und tatsächlicher Fertigstellung klafft damit eine erhebliche Lücke. Diese Lücke entsteht nicht aus einem einzigen Grund. Hohe Baukosten, teure Grundstücke, Finanzierungskosten, Fachkräftemangel, langwierige Verfahren, technische Anforderungen und lokale Widerstände wirken zusammen. Wer nur einen Schuldigen präsentiert, vereinfacht die Lage. Wer aber jahrelang Ziele verkündet, ohne die strukturellen Hindernisse wirksam zu beseitigen, muss sich an den Ergebnissen messen lassen.
Mehr Neubau allein wird das Problem ebenfalls nicht sofort lösen. Neue Wohnungen entstehen häufig dort und zu Preisen, die einkommensschwache Haushalte nicht unmittelbar entlasten. Trotzdem bleibt ein größeres Angebot unverzichtbar. Ohne zusätzliche Wohnungen verschärft sich die Konkurrenz um Bestandsobjekte, besonders in Großstädten, Universitätsorten und wirtschaftlich starken Regionen. Mieterschutz kann akute Härten begrenzen, aber keinen dauerhaft fehlenden Wohnraum ersetzen.
Vom Eigentumswunsch zur Erbengesellschaft
Die Krise zeigt sich auch beim Wohneigentum. 47,9 Prozent der befragten Mieter würden lieber in den eigenen vier Wänden leben. Gleichzeitig nennen viele fehlendes Eigenkapital als größte Hürde. Das ist logisch: Wer einen hohen Anteil seines Einkommens für Miete und laufende Wohnkosten ausgibt, kann nur schwer jene Rücklagen bilden, die Banken für eine Finanzierung verlangen.
Besonders aufschlussreich ist, dass 45,8 Prozent aller Befragten ein Erbe als wahrscheinlichsten Weg zum Wohneigentum ansehen. Damit verschiebt sich Eigentum von einer Frage langfristiger Arbeit und Sparleistung zu einer Frage familiärer Vermögensübertragung. Das ist gesellschaftlich brisant. Immobilienbesitz schützt häufig vor Mietsteigerungen, ermöglicht Vermögensaufbau und kann an die nächste Generation weitergegeben werden. Wer nichts erbt, zahlt dagegen womöglich jahrzehntelang Miete, ohne eigenes Immobilienvermögen zu bilden.
Die Bundesregierung verweist auf verlängerte Mietpreisregeln, stärkeren Mieterschutz und geplante Begrenzungen bei Indexmieten.10Bundesregierung: Besserer Schutz im Mietrecht
Der Gesetzentwurf sieht unter anderem Begrenzungen für Indexmieten und weitere Änderungen vor, die Mieter vor starken Kostensteigerungen schützen sollen. Solche Maßnahmen können Belastungen dämpfen. Sie müssen jedoch daran gemessen werden, ob tatsächlich mehr bezahlbare Wohnungen entstehen und ob Mieter nach Abzug ihrer Wohnkosten wieder finanziellen Spielraum gewinnen. Ankündigungen, Verfahren und Förderprogramme sind kein Selbstzweck.
Die Zahl 48,5 Prozent ist deshalb weniger überraschend als entlarvend. Sie zeigt, wie weit sich die Wohnkosten bereits in die gesellschaftliche Mitte hineingefressen haben. Wer Vollzeit arbeitet und trotzdem jeden Monat hoffen muss, dass keine zusätzliche Rechnung kommt, erlebt Wohnen nicht als Sicherheit, sondern als Dauerstress. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Deutschland eine Wohnkrise hat. Sie lautet, wie lange Politik und Markt noch so tun können, als sei sie lediglich eine vorübergehende Unannehmlichkeit.
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